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Das Märchen von den bösen Ratingagenturen

Wer die TV-Talkrunden zur Finanzkrise verfolgt, gewinnt den Eindruck, Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch wären die Wurzel allen Übels, gar die Verursacher der Finanzkrise. Merkel, Schäuble und den Regierungsvertretern der übrigen Euro-Staaten kommen die Ratingagenturen als Sündenböcke sehr gelegen, können sie doch damit ihr eigenes politisches Versagen elegant überspielen. Der Hauptkritikpunkt ist, dass es sich bei allen international anerkannten Ratingagenturen um private US-Gesellschaften handelt. Deshalb verliehen sie keine unabhängigen und objektiven Ratings, sondern würden von der US-Regierung beeinflusst.

Wer die Kritik einmal sachlich durchdenkt, der wird schnell feststellen, dass diese Vorwürfe nur dazu dienen, ein zweifelhaftes Feindbild aufzubauen und Volkes Zorn von der eigenen Regierung abzuwenden. Denn:

  1. Nicht die Ratingagenturen sind für die Finanzmisere der Euro-Staaten verantwortlich, sondern die Regierungen selbst sowie die unzureichende Vertragsgrundlage der Währungsunion. Die Ratingagenturen bewerten lediglich die Bonität von Staaten und Unternehmen und beeinflussen damit den Zinssatz für deren Anleihen. Wenn die Wahrscheinlichkeit der Schuldentilgung sinkt, weil sich ein Staat bei schwächelnder Wirtschaft immer höher verschuldet, steigt zwangsläufig die Risikoprämie für dessen Anleihen – auch ohne die Standard & Poor’s dieser Welt. Dazu kommt, dass die Eurostaaten ihre Währung nicht abwerten können, um ihre Schulden zu inflationieren. Der Wegfall der Währungsautonomie muss bei den Bonitätsprüfungen berücksichtigt werden und vor diesem Hintergrund sind die Herabstufungen für die meisten Staaten eher moderat ausgefallen.
  2. Mit der Absenkung des US-Ratings haben die Agenturen bewiesen, dass sie keine Interessenpolitik betreiben. Eigentlich ist diese Herabstufung nämlich gar nicht nachvollziehbar, denn die USA sind das einzige Land der Welt, das nicht nur uneingeschränkte Währungsautonomie besitzt, sondern seine Schulden sogar auf andere Staaten abwälzen kann, weil es die Weltwährung US-Dollar kontrolliert. Wegen des hohen Handelsbilanzdefizits exportieren die Vereinigten Staaten mit dem Import von Rohstoffen und Fertigprodukten ihre Schulden – vornehmlich nach China, Europa, Japan und in die Erdölstaaten. Außerdem haben die USA kein Interesse an einem schwachen Euro. Denn: Je stärker die Europäische Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar wird, desto wettbewerbsfähiger wird auch die US-Exportwirtschaft.
  3. Ein wesentlicher Kritikpunkt ist, dass Ratingagenturen private Gesellschaften sind und ihre Bonitätseinstufungen als Dienstleistungen verkauften. Daher könnten ihre Ratings nicht neutral und unabhängig sein. Interessanterweise wird das bei anderen Dienstleistern, die Gutachten für verschiedenste Branchen anbieten, kaum bemängelt. Wenn beispielsweise die Bundesregierung bei einem privaten Ingenieurbüro eine Machbarkeitsstudie für ein Atom-Endlager in Auftrag gibt, scheint das kein Problem zu sein ­– im Gegenteil: Würde stattdessen eine staatliche Behörde damit beauftragt, wäre das öffentliche Misstrauen viel größer. Aus diesem Grund sind auch Vorschläge zur Schaffung einer europäischen Ratingbehörde, die von den EU-Staaten finanziert wird, wenig durchdacht. Sie wäre nichts anderes als eine europäische Währungslobby, und ihre Ratings würden in der Finanzwelt kaum anerkannt.
  4. Es ist nicht die Schuld der Ratingagenturen, dass die Finanzwirtschaft auf Bonitätsabstufungen wettet, um ihre Gewinne zu maximieren. Diesen Schuh müssen sich die europäischen Regierungen selbst anziehen. Sie hatten seit der Lehman-Pleite drei Jahre Zeit, um die Finanzmärkte zu regulieren, sind aber vor deren mächtiger Lobby immer wieder eingeknickt. Vielmehr noch: Sie haben den Bock zum Gärtner gemacht, indem sie Josef Ackermann und andere Bankenvertreter in die Prozesse eingebunden haben. Daher hat sich bis heute so gut wie nichts zum Besseren gewendet. Und das beliebte Argument, dass Finanzmarktreformen nur auf globaler Ebene Erfolg haben könnten, wurde ausgerechnet vom Bankenstaat Großbritannien als Ausrede entlarvt: Premierminister Cameron hat kürzlich ankündigt, die heimischen Banken zu zerschlagen und deren Investmentgeschäfte in eigenständige Gesellschaften auszugliedern. Inkrafttreten soll das entsprechende Gesetz zwar erst 2019, aber immerhin…

Statt bei jeder neuen Bonitätsabstufung populistische Wutreden auf die Ratingagenturen zu halten, sollten Angela Merkel und die anderen EU-Staatschefs sich endlich auf eine Regulierung der Finanzmärkte einigen. Wie wäre es zum Beispiel damit, wie die Briten das Investmentgeschäft der europäischen Banken vom Kreditgeschäft zu trennen? Nur so lässt sich verhindern, dass aus Staatspleiten globale Wirtschaftskrisen werden, die nur mit staatlichen Geldern und Bürgschaften für die Banken abgewendet werden können. Solange das nicht passiert, wird sich die Krisenspirale immer schneller drehen. Was wahrscheinlich die wenigsten wissen: In den USA galt zwischen 1933 und 1999 der Glass-Steagall-Act, der die Trennung von Investmentbanken und Geschäftsbanken vorschrieb. Er wurde auf Druck der Finanzbranche wieder aufgehoben und seitdem hat die Weltwirtschaft zwei extreme Rezessionen und eine nie dagewesene Staatsverschuldung erlebt. Das kann kein Zufall sein.

2 Comments

  1. Alles Punkte, die gegen das Märchen der bösen Ratingagenturen sprechen.

    Gleichzeitig ist die „Macht“ dieser Ratingagenturen immer wieder bedenklich und in meinen Augen mehr als fraglich.

  2. Sehr guter Artikel, insbesondere der Teil mit der europäischen Ratingagentur ist ein interessanter Aspekt… Völlig richtig!

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