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Pharma-Aktien vor der Wende?

Wer vor elf Jahren sein Geld in Pharma-Aktien investierte, hatte seitdem nicht viel Freude. Zwar haben die in diesem Sektor traditionell hohen Dividenden die Inflationsrate weitgehend ausgeglichen – der Kursgewinn der meisten Bluechips der Pharma-Branche liegt aber seit 2000, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bestenfalls nahe der Nulllinie.

Risiken und Nebenwirkungen

Pharma-Werte sind vom Konjunkturzyklus weitgehend unabhängig. Stärkeren Einfluss auf die Kurse hat die sogenannte Pipeline, die in der Entwicklung befindlichen neuen Wirkstoffe und deren Aussichten auf eine Zulassung. Die Arzneimittelforschung ist sehr langfristig angelegt: Die Entwicklung eines neuen Wirkstoffs bis zur Zulassung dauert im Regelfall mindestens acht Jahre und verschlingt dreistellige Millionen-Beträge – ohne die Sicherheit, dass am Ende ein marktreifes Produkt dabei herauskommt. Wenn die Entwicklung eines sogenannten Blockbusters gelingt, genießt dieser derzeit noch 20 Jahre Patentschutz, danach dürfen andere Unternehmen die Wirkstoffe kopieren und als sogenannte Generika anbieten, natürlich mit der Konsequenz, dass die üppigen Margen dahin sind.

Großen Einfluss auf die Kurse hat auch die Gesundheitspolitik. Wenn beispielsweise wie in den USA eine große Gesundheitsreform allen Bürgern den Zugang zu einer Krankenversicherung ermöglicht, ist das natürlich gut für die Gewinnaussichten der Pharmaunternehmen. Die chronisch klammen deutschen Krankenkassen mit ihren restriktiven Kostenvorgaben hingegen lassen die Umsätze schrumpfen.

In den vergangenen zehn Jahren gab es sowohl von Seiten der Politik als auch von den Unternehmen selbst wenig Positives zu vermelden: Ausgabenkürzungen im Gesundheitswesen, steigende Forschungskosten, verschärfte Zulassungsverfahren, Diskussionen über eine Verkürzung des Patentschutzes, illegale Kopien geschützter Wirkstoffe in Asien und einiges mehr. Diese schlechten Nachrichten dürften aber mittlerweise eingepreist sein.

Preiswerte Branche mit Wachstumspotenzial

Und es gibt auch positive Entwickungen: Die Biotechnologie und die Fortschritte in der Entschlüsselung des genetischen Codes ermöglichen den Konzernen innovative Forschungsansätze, die die Entwicklung neuer Wirkstoffe deutlich beschleunigen und damit kostengünstiger, gleichzeitig aber auch sicherer machen werden. Der Faktor Sicherheit spielt eine große Rolle und ist einer der Gründe, warum die Branche verglichen mit Nahrungsmittelkonzernen immer mit einem Bewertungsabschlag gehandelt wird. So mussten etliche Pharmakonzerne bereits hohe Entschädigungen zahlen, weil ein Medikament unvorhergesehene Nebenwirkungen hatte.

Ein Blick auf die Kursentwicklung zeigt, dass die meisten Pharmawerte mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen von etwa 10 bezogen auf 2011 extrem billig sind. Auch die Dividendenrendite, ein weiterer guter Maßstab für die Bewertung, liegt bei den meisten Konzernen über vier Prozent. Selbst überzeugte Anleihe-Investoren werden unter diesen Bedingungen zumindest darüber nachdenken, einen Teil ihres Kapitals in die relativ risikoarme und konjunkturunabhängige Pharma-Branche zu investieren.

Das Wachstumspotenzial der Pharma-Unternehmen liegt – wie in so vielen Branchen – in den aufstrebenden BRIC-Staaten. Steigende Einkommen und ein wachsender Mittelstand werden mittelfristig zu einer besseren Gesundheitsversorgung und damit zu höheren Umsätzen führen. Aber nicht nur das: Auch die Überalterung der westlichen Industriegesellschaften und die steigende Lebenserwartung sind Entwicklungen, von denen kaum eine Branche so stark profitiert wie Pharma und Medizintechnik – und das trotz aller gesundheitspolitischen Unsicherheiten.

Günstiger Einstiegszeitpunkt

Als Value-Investor sollte man sich von Konjunkturzyklen nicht beeinflussen lassen, sondern einfach das kaufen, was gerade billig ist. Ein Blick auf das momentane Konjunkturstadium kann dennoch nicht schaden. Glaubt man den Volkswirtschaftlern, wird zumindest in Deutschland der Wachstumszenit in diesem Jahr überschritten. Es setzt also eine langsame Abkühlung der Konjunktur ein, die dazu führen wird, dass zyklische Titel die Gewinnerwartungen der Analysten in naher Zukunft nicht mehr erfüllen können. Die Folge: Viele Fondsmanager werden ihre Depots in weniger konjunkturabhängige Aktien umschichten – und Pharma-Werte kaufen. Diese Entwicklung hat nach meinen Beobachtungen bereits Anfang des Jahres begonnen, denn seitdem haben sich die Kurse der meisten Pharma-Unternehmen spürbar erholt. Aus diesem Grund habe ich kürzlich auch mein Dauerinvestment Johnson & Johnson aufgestockt und Roche-Genussscheine gekauft. Der Kurs von Johnson & Johnson ist nach etlichen Pannen und Rückrufaktionen im vergangenen Jahr immer noch dermaßen ausgebombt, dass man mit diesem absoluten Basisinvestment meiner Meinung nach einfach nichts falschmachen kann. Roche hat nach meiner Einschätzung eine sehr attraktive Pipeline und verzeichnet in den Schwellenländern mit das stärkste Wachstum der gesamten Branche. Zudem dürfte die Übernahme des US-Biotechnologie-Unternehmens Genentech im März 2009 – für stattliche 37 Milliarden Euro bislang die größte Übernahme eines Schweizer Unternehmens – ein strategisch kluger Schachzug gewesen sein. Damit stärkt Roche nicht nur seine Produktpipeline und seinen US-Vertrieb, sondern erwirbt einen wichtigen biotechnologischen Forschungsstandort in den USA.

Wichtig: Risiko streuen

Wer in Pharma-Aktien investieren will, sollte mindestens drei Unternehmen aus unterschiedlichen Ländern kaufen, um das Risiko zu streuen – oder einen Mischkonzern wie Johnson & Johnson kaufen, der neben der Pharma-Sparte noch die beiden starken Standbeine Medizintechnik und Körperpflegeprodukte besitzt. Besitzt man nur Aktien eines reinen Pharma-Unternehmens, ist die Gefahr zu groß, dass Rückschläge bei der Zulassung oder gesundheitspolitische Veränderungen den Kurs irgendwann auf Talfahrt schicken.

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