Skip to content

Intel: Unterschätzter Marktführer

Kaum ein Technologieunternehmen wurde von den Analysten im vergangenen Jahr so niedergemacht wie Intel. In allen einschlägigen Zeitschriften und Finanzportalen war zu lesen, Intel habe den Einstieg in den Tablet- und Smartphone-Markt völlig verschlafen und werde es in Zukunft schwer haben, seine Absatzziele zu erreichen. Zu stromhungrig seien selbst die leistungsschwachen Atom-Prozessoren, es gebe für sie – außer in Netbooks – keine mobilen Verwendungsmöglichkeiten.

Der Liebling der Börse hingegen heißt ARM Holdings und ist mit einem Börsenwert von gut 8,5 Milliarden Euro verglichen mit Intel geradezu ein Zwerg. Die Briten haben eine moderne RISC-Prozessorarchitektur entwickelt, die für Tablets und Smartphones wie geschaffen scheint: Sie verbraucht bei geringfügig schwächerer Rechenleistung nur ein Drittel des Stroms, den sich eine Atom-CPU genehmigt. Dabei stellt ARM keine eigenen Prozessoren her, sondern vergibt Fertigungslizenzen an Qualcomm, Samsung, Apple und zahlreiche andere Hersteller, die die Prozessoren entsprechend ihrer Einsatzbedingungen fertigen und modifizieren. Vor allem die Apple-Verkaufsschlager iPhone und iPad, aber auch Samsung- und HTC-Smartphones haben die Kasse von ARM Holdings in den vergangenen Jahren ordentlich klingeln lassen. Kurs-Gewinn-Verhältnisse von rund 50 für das Jahr 2011 und 40 für 2012 zeigen aber auch, wie hoch die Erwartungen der Analysten mittlerweile sind. Ob das Unternehmen diese ambitionierten Gewinnerwartungen erfüllen kann, ist die große Frage.

Ein Blick auf die die Intel-Unternehmensdaten macht deutlich, wie stark Analystenmeinungen einen Aktienkurs beeinflussen können. Intel ist mit einem Börsenwert von rund 88 Milliarden Euro fast elf Mal so groß wie ARM, weist ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von gerade einmal 10,5 (2011) bzw. 10,0 (2012) auf und schüttet derzeit rund 3,5 Prozent des Kurswerts als Dividende aus. Im vergangenen Geschäftsjahr lagen die Umsatzrendite vor Steuern und Abschreibungen bei üppigen 30 Prozent und die Eigenkapitalquote bei stolzen 80 Prozent. Solider geht es kaum. Überträgt man die Kurs-Gewinn-Verhältnisse beider Unternehmen in ein einfaches Rechenbeispiel und lässt man Kursschwankungen außen vor, ergibt sich folgendes Bild: Wer 100 Euro in ARM investiert, steigert den inneren Wert seiner Investition im Jahr 2011 um 2 Euro und im Jahr 2012 um 2,50 Euro. Ein Intel-Engagement in gleicher Höhe bringt hingegen 2011 9,50 Euro Wertzuwachs und 2012 weitere 10 Euro.

Man darf natürlich die Wachstumsperspektiven nicht außen vor lassen, und diesbezüglich hat ARM schon aufgrund seiner geringeren Größe die Nase vorn. Der Vergleich der KGV beider Unternehmen erweckt aber den Eindruck, als würde sich morgen kein Mensch mehr für die Intel-Produkte interessieren und jeder nur noch mit einem Tablet-PC oder einem Smartphone arbeiten und surfen. Die Realität sieht anders aus: Notebooks und Desktop-PCs werden nach wie vor am häufigsten gekauft und sind als reine Arbeitsgeräte, beispielsweise zur Bildbearbeitung, bislang nicht zu ersetzen. In beiden Segmenten ist Intel Technologieführer und mit rund 86,4 bzw. 72,1 Prozent Marktanteil die unangefochtene Nummer Eins. Außerdem unternimmt das Unternehmen große Anstrengungen, um den Stromverbrauch seiner Prozessoren zu senken und sie damit mittelfristig mobiletauglich zu machen. Was ebenfalls häufig außer Acht gelassen wird: Je mehr mobile Geräte auf das Datennetz zugreifen, desto höher sind die Anforderungen an die Rechenleistung der Server. Und wer ist Marktführer bei Server-CPUs? Natürlich Intel, und zwar mit einem Marktanteil von 93 Prozent. Auch der zukünftige Umsatz dürfte gesichert sein, denn Prozessoren sind keine langlebigen Investitionsgüter: Ein geschäftlich genutzter Computer, egal, ob Desktop-PC oder Notebook, wird innerhalb von drei Jahren steuerlich abgeschrieben und anschließend in den meisten Fällen durch ein leistungsfähigeres Modell ersetzt. Privatanwender schaffen sich im Durchschnitt alle fünf bis sechs Jahre neue Computerhardware an.

Intel besitzt aufgrund seiner Größe und langjährigen Erfahrung sehr viel Know-How in der Prozessorfertigung und ist äußerst innovativ: Erste Informationen veröffentlichte das Unternehmen kürzlich über seine neue Prozessorgeneration Ivy Bridge, die 2012 auf den Markt kommt. Darin werden erstmals in der Computergeschichte dreidimensionale Transistoren in 22-Nanometer-Technologie verbaut, die wesentlich mehr Rechenleistung auf kleinerem Raum ermöglichen und gegenüber den aktuellen Sandy Bridge-Prozessoren 40 Prozent weniger Strom verbrauchen. Diese Technik will Intel später auch auf die Nachfolger der Atom-Prozessoren übertragen. Sie sollen „Solar“ heißen und im Mobile-Markt konkurrenzfähig sein. Dazu kommt, dass Intel auch im aktuellen Wachstumsfeld SSD (Solid State Disks = Festplatten mit Speicherchips statt rotierenden Magnetscheiben) sehr gut aufgestellt ist. Der jüngste Quartalsbericht paralysierte zudem alle Analysten-Schätzungen: Trotz der technischen Probleme mit den aktuellen Sandy Bridge-Prozessoren lag der Gewinn deutlich über den Erwartungen.

Im richtigen Leben mag es sinnvoll sein, mit der Mode zu gehen. An der Börse ist es das definitiv nicht. Modeaktien wie ARM Holdings können natürlich noch eine ganze Weile gut laufen, aber mit steigendem KGV wird die Luft immer dünner. Außerdem: Im günstigsten Fall wird irgendwann aus der Wachstumsaktie ein Value-Wert. Und dieser Konsolidierungsprozess geht mit jahrelangen Kursverlusten einher. Ein gutes Beispiel dafür ist ebenfalls die Intel-Aktie: Der Kurs fiel von August 2000 bis März 2009 von rund 75 Dollar auf knapp 13 Dollar. Diese Phase steht ARM Holdings noch bevor – vielleicht schon nächstes Jahr, vielleicht aber auch erst in zehn Jahren.

Fazit: Wer mit seinen Aktieninvestments kontinuierliche Gewinne machen will, sollte auf große Marktführer mit solider Geschäftsentwicklung setzen und diese kaufen, solange sie billig sind.

Be First to Comment

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *