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Warum hat Deutschland keine Aktienkultur?

Wir Deutschen sind zweifellos ein Volk mit einer großartigen Kultur. Die Aktienkultur aber gehört nicht dazu. So halten mich einige meiner Freunde und Kollegen für einen Finanzjongleur, weil ich etwa 80 Prozent meines Guthabens in Aktien investiert habe und meine Barreserven ziemlich übersichtlich sind. Sie reichen, um eine größere Autoreparatur zu bezahlen und zwei bis drei Monate ohne Einkommen zu überbrücken. Wenn ich sie frage, wie sie ihr Geld angelegt haben, kommen immer die gleichen Antworten. Haus oder Eigentumswohnung, Bausparvertrag, Lebensversicherung, Bundesschatzbriefe, Festgeld- und Tagesgeldkonten, ab und zu auch Aktienfonds oder Fondssparpläne. Kaum jemand interessiert sich für Aktien als Geldanlage, weil sie immer noch im Ruf stehen, zu unsicher und spekulativ zu sein, ein bisschen wie das Roulette im Spielcasino.

Dazu kommt, dass viele Leute schlechte Erfahrungen mit Aktien gemacht haben. Kein Wunder: Sie haben investiert, weil der Nachbar von seinen Gewinnen mit EM-TV-Aktien gerade ein neues Wohnmobil gekauft hatte und Aktien von neuen Firmen mit ziemlich schrägen Namen beim Börsengang mindestens 50-fach überzeichnet waren – klassische Signale dafür, dass  der Boom sich dem Ende zuneigt. Nach dieser zwar teuren, aber eigentlich sehr wertvollen Erfahrung haben die meisten Ex-Aktionäre der Börse für immer den Rücken gekehrt, anstatt einfach zu einen besseren Zeitpunkt wieder einzusteigen.

Das deutsche Bedürfnis nach einer vermeintlich sicheren Geldanlage hat natürlich auch etwas mit unserer Vergangenheit zu tun. Schließlich hat die Generation 70+ ja schon einmal eine Währungsreform erlebt. Das Seltsame ist nur, dass sie die falschen Lehren daraus gezogen hat: Wer schon einmal hilflos zuschauen musste, wie das Bankguthaben binnen weniger Wochen auf einen Bruchteil seines ursprünglichen Wertes zusammenschmilzt, sollte den Großteil seines Geldes doch eigentlich nur noch in inflationssichere Sachwerte wie Aktien, Gold und Immobilien anlegen. Die meisten bevorzugen trotzdem Geldwerte wie Lebensversicherungen und Bundesschatzbriefe. Umfragen belegen das: Nur jeder fünfte Deutsche hielt 2009 Anteile an Investmentfonds, nur jeder neunte war direkt in Aktien investiert. Selbst die Immobilienquote – der klassische Sachwert des Börsenmuffels – ist mit gut 20 Prozent im europäischen Vergleich sehr niedrig. Bei den Geldanlagen dominiert mit rund 55 Prozent immer noch der Renditekiller Nummer 1: das Sparkonto.

Die Banken und Versicherungen freut’s: Das Verpacken von Geldanlagen in komplizierte Sparpläne und Versicherungspolicen, bei denen sich die Kosten gut verschleiern lassen, ist für sie schließlich ein lukratives Geschäft. Da sie die Einzahlungen selbst wieder investieren, erzielen sie im Regelfall höhere Renditen, als sie dem Kunden für sein Finanzprodukt in Ausssicht gestellt haben, verdienen also doppelt.

Leider hat auch der Staat kein Interesse daran, die Aktienkultur in Deutschland zu fördern. Im Gegenteil: Mit der Einführung der Abgeltungssteuer und der Abschaffung der einjährigen Spekulationsfrist wurde die Aktie dem Sparkonto steuerlich gleichgestellt. Von jedem Cent Zinsen, Dividende oder Kursgewinn, die über dem Steuerfreibetrag in Höhe von 801 Euro liegen, bekommt der Staat automatisch 25 Prozent ab.

Viele andere europäischen Staaten hingegen schaffen Anreize, um Aktien auch für Normalverdiener attraktiv zu machen – wohl wissend, dass dies langfristig gesehen nicht nur den allgemeinen Wohlstand sichert, sondern auch die Wirtschaft fördert. Zwar sind Kursgewinne in den meisten Ländern ebenfalls steuerpfichtig, es gibt aber Regeln, die Klein- und Langfristanleger begünstigen. In England und Frankreich gibt es beispielsweise jährliche Freibeträge für Kursgewinne in Höhe von 9.200 Pfund bzw. 20.000 Euro. Der Betrag bezieht sich allerdings in Frankreich nicht auf die Erträge, sondern auf den Gesamterlös der jährlichen Aktienverkäufe. In einigen anderen Ländern sinkt die Steuerlast je nach Haltedauer oder fällt ganz weg, so zum Beispiel in Österreich, Luxemburg, Portugal, Litauen, Spanien und Rumänien. Auch was den Steuersatz betrifft reiht sich Deutschland in die europäische Spitzengruppe ein. Nur in Finnland, Schweden und Dänemark sind die pauschalen Steuersätze noch höher. Ein Paradies für Aktionäre sind übrigens die Niederlande: Hier sind Aktiengewinne und Dividenden grundsätzlich steuerfrei.

Es müssen ja nicht gleich Optionsgeschäfte sein, aber etwas mehr Mut und Weitsicht bei der Vermögensanlage würde viele Leute aus jüngeren Generationen vor der Altersarmut bewahren. Schließlich ist man mit Aktienanlagen direkt an der Wertsteigerung eines Unternehmens beteiligt. Die indirekte Beteiligung durch Geldwerte ist langfristig gesehen unsicherer, denn Geld können die Notenbanken beliebig viel drucken, ohne dass das Bruttoinlandsprodukt steigt – und die nächste Währungsreform kommt bestimmt!

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